(Erschienen: 28.05.2014, Südkurier)

 

Das Ende des Artigseins

Ravensburg -  „Eine Woche voller Samstage“ frech und mühelos inszeniert am Figurentheater Ravensburg
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Aktenberge bestimmen die Tage von Herrn Taschenbier (Andreas Thiele).
Das Sams gibt seinem Leben eine Wende.
 
Wer die Geschichte „Eine Woche voller Samstage“ nicht kennt, wird mittlerweile mit ungläubigen Augen angesehen. Fast jeder hat das Kinderbuch von Paul Maar gelesen oder die Verfilmung mit ChrisTine Urspruch gesehen – und trotzdem sollte man nun die Inszenierung des Figurentheaters Ravensburg nicht verpassen. Das liegt zum einen an der Figur des Sams selbst: Es ist nicht etwa eine Marionette an Fäden, sondern die Figur aus der Werkstatt von Angelika Jedelhauser (Bad Waldsee) ist fast einen Meter groß. Sieht man sich das Sams im Kino an, hat die Phantasie wenig zu tun. Im Figurentheater ist das anders: Hier trägt das Sams immer dieselbe fröhlich kecke Miene zur Schau– aber weil sie von der Puppenspielerin Juliane Gebhard unauffällig geführt wird, die dem Sams seine Körpersprache verleiht, scheint sich mit den wechselnden Gesten auch der in Wahrheit starre Gesichtsausdruck ständig zu verändern. Es ist ein Wandel, der nur im Kopf stattfindet – und dies hat einen Zauber, den kein Film bieten kann, in dem ein leibhaftiger Mensch im Sams-Kostüm steckt.

Juliane Gebhard führt das Sams in ihrer schwarzen Kleidung fast so unsichtbar wie ein Schatten, verleiht ihm aber doch seinen Charakter: durch Bewegungen, die diejenigen eines verspielten Kindes sind, das Arme und Beine gymnastisch verknotet – doch zugleich mit einer Stimme, die merkwürdig wissend und erwachen klingt. Vielleicht ist diese Stimme erwachsener als Herr Taschenbier es ist, dem das Sams auf merkwürdige Weise sozusagen zugelaufen ist. Aber es ist mit dem Sams wohl wie mit Haustieren: ein Tier, für das man sich nicht entscheidet, läuft einem auch nicht zu.

Jedenfalls spielt Andreas Thiele den Herrn Taschenbier als einen so charmant kindlichen Menschen, dass man ihn auf der Stelle mag. Regisseurin Pat Geddert überzeichnet ihn und die üblichen Charaktere bis zur Kenntlichkeit – und so gibt Andreas Thiele den Herrn Taschenbier zaudernd und schüchtern. Vor allem gegen seine Zimmerwirtin, Frau Rotkohl, kann er sich nicht durchsetzen, so dreist sie sich auch in sein kleines Leben einmischt. Tina Wallisch spielt Frau Rotkohl einfach umwerfend: Sie ist so unverschämt wie die Else Kling der Lindenstraße und so neugierig wie Heidi Kabel im Komödienklassiker „Tratsch im Treppenhaus“ – nur überdies mit einem großkalibrigen schwäbischen Mundwerk ausgestattet. Eingezwängt zwischen einem solchen Drachen und seiner Arbeit im Büro, ist das Leben von Herrn Taschenbier unter seiner Artigkeit begraben. Friedfertig nimmt er alles hin und hat wohl selbst das Wünschen verlernt – aber das wird er durch das Sams und dessen Wunschpunkte schon noch lernen. Man verfolgt Taschenbiers Weg voller Sympathie – weil es Andreas Thiele gelingt, ein anderer zu werden und er sich doch eine leicht clowneske Unsicherheit bewahrt.

Rainer Sommer als sein Chef ist ein ausgebuffter Komödiant, der die Silben dehnt, sie auskostet, Gewicht und nuancierte Betonungen in sie legt. So wird noch die kleinste Textzeile zur ausgefeilten Szene. Und dann ist da noch Brigitte Stalter als beherzte Verkäuferin, dem das Sams seine Garderobe verdankt: jenen Taucheranzug, den es weder fressen noch zerreißen kann und in dem es seither durch die Welt turnt. Zur ganzen Welt des Herrn Taschenbier wird im Figurentheater sehr glaubhaft die wohl nur vier Meter breite Bühne. Ob von Akten überquellende Kanzlei, Kaufhaus oder karge Wohnkammer – die Bühnenbilder überzeugen auf ähnliche Weise wie das Sams: Indem sie das Dargestellte in der Andeutung lassen anstatt es fix und fertig auszumalen. Solange man das sagen kann, hat das Theater gegen den Film nicht verloren.

Die nächste Aufführung des Stücks ist am Samstag, 19. Juli, um 15 Uhr. Eintritt 4 Euro, für Erwachsene 6 Euro. Reservierung unter Telefon 07 51/2 10 62 und www.figurentheater-ravensburg.de.
 

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